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Film-Archiv



Flug 93
Genre:Drama
Länge:110
Schauspieler:Lewis Alsamari (Saeed Al Ghamdi), J.J. Johnson (Captain Jason Dahl), Trish Gates (Sandra Bradshaw),
Regie:Paul Greengrass
Erscheinungsjahr:2006
Internet:
Beschreibung:Ein Film über die dramatischen Ereignisse der Terroranschläge des 11. September 2001, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttert haben und selbige nachhaltig veränderten. Im Mittelpunkt des Geschehens: die Passagiere des abgestürzten Flugs United 93, die dank einer Bordrevolte das Flugzeug unfreiwillig vom Ziel abbrachten, Washington zu attackieren, dafür aber ihr Leben ließen. In der Theorie klingt das nach einem klebrigen amerikanischen Rührstück Marke Hollywood. Doch wer so denkt, hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht... und der heißt Paul Greengrass. Der Brite geht in seinem fiktionalisierten Doku-Drama „Flug 93“ ausgesprochen sensibel und nüchtern vor, was aber nicht verhindert, dass der Film als emotionalste Stück Zelluloid seit Jahren das Publikum aufwühlen wird.

Vordergründig schildert „Flug 93“ die Ereignisse an Bord des United-Airlines-Flugs 93 von Newark, New Jersey, nach San Francisco, der am 11. September 2001 um 10.10 Uhr auf einem Acker nahe der Stadt Shanksville in Pennsylvania zerschellte. Dies war die vierte von Al-Kaida-Terroristen gekaperte Linienmaschine, die ersten drei wurden von den Flugzeugentführern in die beiden Tower des World Trade Centers in New York sowie das Pentagon in Washington gesteuert. Doch dies ist für den ehemaligen Dokumentarfilmer und mittlerweile Spielfilm-erfahrenen (Die Bouren Verschwörung) Greengrass nur der Blickwinkel, um die Tragödie zu rekonstruieren. „Flug 93“ spielt nahezu in Echtzeit und beginnt aus Sicht der Terroristen, wie sie sich in einem Hotelzimmer auf ihre Mission vorbereiten, die wenige Stunden später an Bord der Boing 757 40 Passagiere und Crewmitglieder das Leben kosten sollte.

Dramaturgisch geht Greengrass meisterhaft vor. Er pickt sich keine Charaktere nach üblicher Spielfilmherangehensweise heraus, sondern reflektiert den Ablauf an verschiedenen Brennpunkten über die Masse an Personen. Ab und zu spielt sich jemand in den Vordergrund, aber dann geht es auch schon an anderer Stelle weiter. Die fiebrige Handkamera von Barry Ackroyd (Sweet Sixteen, „Carla´s Song”) bringt den Zuschauer immer bis auf Millimeter an die Charaktere heran. Neben „United 93“ konzentriert sich der Film auf fünf weitere Kernorte: den Control Tower auf dem Newark International Airport (um 8.42 Uhr der Startpunkt für den United-Flug 93); die Kontrollzentren in Boston und New York (hier starteten die entführten American-Airlines-Flüge 11 und 175); das Federal Aviation Administration’s (die US-Luftfahrtbehörde) Operations command center in Hernon, Virginia, und das military’s operations center at the Northeast Air Defense Sector (NEADS) im Bundesstaat New York.

Die Handlung springt zwischen diesen Spielorten hin und her. Erst zum Ende hin dominiert die panische Revolte an Bord des United-Flugs 93 die Leinwand. Zuvor bekommt der Betrachter auf äußerst geschickte Weise einen dynamischen Ablauf der Ereignisse vermittelt. Das geht von erster Gelassenheit bezüglich einer gemeldeten möglichen Flugzeugentführung über eine gesteigerte Aufmerksamkeit der Handelnden bis hin zur hektischen Kopflosigkeit und völligen Panik der Autoritäten. Eine markerschütternde Szene, die die Beteiligten, die unschlüssig nach Erklärungen suchen, wachrüttelt, markiert im Film einen endgültigen Wendepunkt. Ein Lotse berichtet, dass eine Maschine urplötzlich von seinem Bildschirm verschwunden sei. Auf cnn sind bereits Bilder vom ersten brennenden Twin Tower zu sehen, aber der Zusammenhang mit der Linienmaschine wird noch nicht hergestellt. Ein zweites Flugzeug verschwindet vom Radar. Einige Mitarbeiter des Kontroll-Towers in Newark blicken ungläubig zum nahen Manhattan herüber, als sich eine weitere Linienmaschine nähert und in den zweiten Zwillingsturm kracht. Und genau hier kommt ein Knackpunkt, der „Flug 93“ zum emotional effektivsten Film der vergangenen Jahre macht: Jeder einzelne Mensch auf der Welt, der Zugriff auf einen Fernseher hatte, wird diesen ganz speziellen Augenblick nachvollziehen können, weil er ihn ebenso erlebt hat. Wer nicht gerade auf der Rückseite des Mondes lebt, wird diese Bilder lebenslang parat haben, diesen ersten Moment, als jeder für sich realisierte, was dort Unglaubliches passiert. Diese Tragödie, die selbst die härtesten Herzen erweichen konnte, besitzt soviel reales Mitfühlpotenzial, das Regisseur Greengrass in seinem Film verwendet, aber nicht ausschlachtet. Seine Aufarbeitung, die in sehr enger Abstimmung mit den Hinterbliebenen des Flugs 93 ablief, ist alles andere als reißerisch, geradezu nüchtern, aber trotzdem kann sich niemand dieser Wucht und unglaublichen archaischen Kraft der Emotionen entziehen.

Greengrass, der bereits mit „Bloody Sunday“ bewiesen hat, dass er ein Mann für sensible Thematiken ist, macht auch bei der Auswahl der Schauspieler alles richtig. Die unbekannten Gesichter erfüllen ihren Zweck, jeden Charakter nur als Teil des großen Ganzen erscheinen zu lassen. Dazu verpflichtete er reale Personen aus dem Bereich Luftfahrt und Militär. Ben Sliney beispielsweise, der seinen ersten Tag als National Operations Manager der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA hatte, spielt sich selbst (...und sehr gut noch dazu). Die islamistischen Selbstmordattentäter Ziad Jarrah, Ahmad Al Haznawi, Al Ghamdi und Ahmed Al Nami werden ebenfalls angemessen sachlich ohne hetzenden US-Hurra-Patriotismus porträtiert. „Flug 93“ schreckt nicht davor zurück, die verschiedenen Autoritäten als hilflos und völlig unvorbereitet auf diese Terrorattacke zu schildern. Das vermittelt wieder einen menschlichen Anstrich und Authentizität. Greengrass betrachtet die Ereignisse dieses 11. Septembers aber nicht aus politischer Sicht. Die in seiner Gesamtheit fragwürdige Reaktion der US-Regierung um Präsident George W. Bush auf die Angriffe haben mit der Tragödie selbst schließlich nichts zu tun. Der Brite wollte für die Hinterbliebenen ein filmisches Monument schaffen, wie er sagt.

Der Pferdefuß und das Dilemma, in dem Greengrass steckt: Es gibt erhebliche Zweifel an der Version der US-Regierung, die - wie mittlerweile im Zuge des Irak-Krieges bekannt ist - keine Scheu hat, in eigenem Interesse Fakten zu verdrehen und Lügen zu verbreiten. Das Gerücht, dass Flug United 93 von der Air Force abgeschossen worden sei, um einen Angriff auf das 250 Kilometer entfernte Washington zu verhindern, hält sich hartnäckig. Viele Fakten sprechen für diese These - mal ganz abgesehen von sachlicher menschlicher Logik. Direkt nach dem Absturz in dem dünn besiedelten Gebiet auf einem menschenleeren Acker (!) gab es zahlreiche Augenzeugen, die in der Luft eine Explosion gesehen haben wollen. Diese Aussagen tauchten später nie wieder auf. Trümmerteile der Boing wurden in einem Radius von 13 Kilometern gefunden – das spricht laut Experten für einen Abschuss in der Luft und nicht für eine in den Boden gesteuerte Maschine. Fotos von dem havarierten Flugzeug wurden erst etliche Tage später veröffentlicht. Doch da dies nur (populäre) Theorien sind, ist Greengrass kein nachhaltiger Vorwurf zu machen. Wäre er mit einem halbseidenen Verschwörungsthriller an den Start gegangen, hätte er sicherlich nicht auf die Unterstützung der Hinterbliebenen zählen können und wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer attackiert worden, wenn er keine stichhaltigen Beweise präsentiert hätte.

Mit „Flug 93“ gelang Regisseur und Autor Paul Greengrass ein meisterhaftes, dramatisch perfekt inszeniertes Zeitmonument, das emotional zu Tränen rührt. Immer heftiger zieht der Brite die Daumenschrauben an, bis sein Publikum am Ende atemlos nach Luft ringt. Das lediglich 15 Millionen Dollar teure Kraftpaket „Flug 93“ berührt, es bewegt und lässt niemanden kalt. Was kann ein Zuschauer mehr von einem Drama verlangen? Ein Film als Katharsis und maßvolle Geschichtsaufarbeitung in einem.