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Film-Archiv



DIE VERFÜHRTEN
Genre:Drama
Länge:90
Schauspieler: Colin Farrell, Nicole Kidman. Elle Fanning, Kirsten Dunst, Oona Laurence u.a.
Regie:Sofia Coppola
Erscheinungsjahr:2017
Internet:
Beschreibung:Mit "Die Verführten" hat sich Sofia Coppola erstmals an ein spannungsreiches Drama gewagt: Sieben Frauen verführen einen Mann. Aber wie!

Im Mittelpunkt von Sofia Coppolas Filmen stehen meist Menschen, die wie betäubt wirken. In Lost in Translation (2003) etwa Bill Murray, der sich als Star-Schauspieler in einem Tokioter Luxushotel zu Tode langweilt. Oder Kirsten Dunst als Marie Antoinette (2006), die versucht, der Monotonie des Alltags am französischen Hof dadurch zu entkommen, dass sie exzessiv im Luxus schwelgt. In Somewhere (2010) schließlich verzweifelt Stephen Dorff geradezu daran, wie leicht erhältlich, und daher unbefriedigend, oberflächliche Stimulierungen aller Art für ihn sind. Und in The Bling Ring (2013) war es gleich Thema des ganzen Films. Coppola, als Filmemacherin ganz offensichtlich eher an Stimmungen denn an Dramaturgie interessiert, fand in diesen Filmen zu einer einzigartigen visuellen Sprache, um das Gefühl der Einsamkeit und Entfremdung ihrer Figuren inmitten eines Überflusses von Möglichkeiten einzufangen.




Insofern überrascht es, dass ihr neuer Film so gänzlich von materieller und emotionaler Deprivation gezeichnet ist. Die Verführten spielt auf einem opulenten, jedoch im Verfall begriffenen Anwesen im amerikanischen Südstaat Virginia. Dessen Gesellschaftsordnung nähert sich mit der Niederlage der Konföderation im Sezessionskrieg ebenfalls seinem Untergang. Während in unmittelbarer Nähe also die letzten Gefechte toben, betreibt Mrs. Farnsworth (Nicole Kidman) zusammen mit der Französischlehrerin Edwina (Kirsten Dunst) ein Mädchenpensionat. Auch um dieses Pensionat ist es nicht gut bestellt: Nur noch fünf Mädchen gilt es zu beherbergen und zu unterrichten.

Eine dieser verbliebenen Schülerinnen entdeckt nun beim Pilzesammeln den verwundeten Nordstaateninfanteristen John McBurney (Colin Farrell) und bringt ihn mit in die Villa. Die Frauen lassen den Soldaten ihr Misstrauen spüren, fühlen sich aber unter dem Gebot der christlichen Nächstenliebe dazu verpflichtet, den verletzten McBurney, der nicht mehr laufen kann, bei sich aufzunehmen und zu versorgen. Anfangs noch zu erhöhter Sittsamkeit und höflichem Entgegenkommen angewiesen, beginnt es im Inneren der Mädchen und Frauen bald schon zu brodeln. Sowohl die beiden Aufseherinnen als auch die Mädchen, allen voran die gerissene Alicia (Elle Fanning), hungern nach männlicher Zuwendung.

Die Verführten basiert auf dem gleichnamigen Southern-Gothic-Roman von Thomas Cullinan aus dem Jahr 1966. Don Siegel hatte den Stoff bereits 1971 verfilmt, damals mit Clint Eastwood in der Hauptrolle, und auch Coppola bewegt sich relativ dicht entlang der Konturen der Romanvorlage. Sie setzt aber, was Tonlage und Bildsprache angeht, grundlegend andere Akzent. Während Siegel auch schwelende Rassenkonflikte inszenierte, ist Coppolas Film eine gewiefte und sehr düstere Gesellschaftskomödie. Jane Austen trifft hier auf Alfred Hitchcock.




Im Gegensatz zu ihrem Kostümfilm Marie Antoinette verzichtet Coppola diesmal ganz auf Popmusik. Hatte sie die opulenten Bilder vom französischen Hof des 18. Jahrhunderts noch mit Musik von The Cure und The Strokes unterlegt, bemüht sie sich in Die Verführten auch musikalisch um eine naturalistische Ästhetik, die historische Stimmigkeit erzeugen soll, keinen Verfremdungseffekt.

Der Film nimmt sich zunächst viel Zeit, um die täglichen Routinen der Frauen zu zeigen: französische Konjugationen üben, Essen zubreiten, beten, Klavierspielen, sticken – ein Kriegsfilm aus der Perspektive der zu Hause gebliebenen Frauen. Diesen Ansatz verfolgt Coppola auch räumlich konsequent. Nach der Anfangsszene spielt der Film nur noch in und um Mrs. Farnsworths Villa. Lediglich Kanonendonner und Rauchsäulen am Horizont zeugen von der Außenwelt. Immer wieder blickt die Kamera auf die fest verschlossenen Tore des Anwesens: Die hier leben, sind Eingesperrte. Mit den ästhetisierten Bildern dieser hermetisch abgeriegelten, von strengen Routinen geprägten Frauenwelt des 19. Jahrhunderts erinnert Die Verführten mitunter an Peter Weirs Klassiker Picknick am Valentinstag (1975).




Coppola ist eine Meisterin darin, die emotionalen Zustände ihrer Figuren visuell erfahrbar zu machen. So auch in Die Verführten. Das verwahrlosende Anwesen steht hier ganz unmittelbar für den Zustand emotionaler und körperlicher Vernachlässigung seiner Bewohnerinnen. Immer wieder sieht man, wie Sonnenstrahlen durch das Dickicht der wild wuchernden Pflanzen fallen und die Schichten aus Erde und Staub sichtbar machen, die über der pompösen Fassade der Villa liegen. Schmutziger, unaufgeräumter war es nie in einem Sofia-Coppola-Film. Sie brauche einen Gärtner, der ihr Anwesen wieder pflegt, sagt McBurney einmal zu Mrs. Farnsworth. In Zeiten wie diesen müsse man ohne gewisse Annehmlichkeiten auskommen, antwortet die.

(aus "Zeit online")