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Film-Archiv



DIE FRAU IM MOND - Erinnerung an die Liebe
Genre:Drama
Länge:121
Schauspieler:Marion Cotillard, Louis Garrel, Àlex Brendemühl, Brigitte Roüan
Regie:Nicole Garcia
Erscheinungsjahr:2017
Internet:
Beschreibung:„Die Frau im Mond“ erzählt vom Begehren einer zwangsverheirateten jungen Frau: konventionell und doch überraschend, mit starker Marion Cotillard und schönen Bildern.

Madame Bovary, die in der französischen Provinz die absolute Liebe sucht – hat man sie hier in die 1950er-Jahre versetzt? Auch die „Frau im Mond“, die junge Gabrielle sprengt mit ihrem kompromisslosen Begehren die kleinbürgerlichen katholischen Verhältnisse der Provence, in denen sie aufwächst. Die Umgebung hält sie für verrückt – weil sie sich dem verheirateten Lehrer an den Hals wirft, weil sie „überspannt“ und nicht zu bändigen ist. Die Familie stellt Gabrielle vor die Wahl: entweder sie kommt in ein „gewisses Haus“ – die Psychatrie –, oder sie stimmt einer arrangierten Ehe mit dem soliden und nervenstarken spanischen Arbeiter José zu. Er, so hoffen die Angehörigen, könnte der Richtige sein, um ihre rebellische Art, ihren Freiheitsdrang und ihre „Eskapaden“ zu bändigen und auszuhalten. Eine Krankheit treibt Gabrielle dann auf Kur in die Alpen – und einem düster-schönen Kriegsveteranen (Louis Garrell) in die Arme, der sogar noch schön Klavier spielen kann.




Was für eine ferne Zeit – die Fünfzigerjahre am Land –, in die uns die 1946 geborene Regisseurin Nicole Garcia hineinversetzt! Und was für eine klischeehaft klingende Handlung, die hier frei nach einem Roman der Spanierin Milena Agus erzählt zu werden scheint. „Die Frau im Mond“ ist ein Film, der zunächst misstrauisch macht.

Nicht ganz zu Recht. Trotz seiner sehr klassischen Erzählweise hält er mehr bereit als nur prachtvolle Landschaften und historische Szenerien, und seine Geschichte über romantische Illusionen ist weniger schematisch, als man meinen könnte. Misstrauen ist zwar, so weit sei hier verraten, tatsächlich angebracht, aber vor allem gegenüber der Erzählung: Was hier Tatsachen, was Träume, was Mythen sind – darüber wird der Zuschauer nämlich lange Zeit gehörig in die Irre geführt. Und zwar so konsequent, ohne die kleinsten Indizien, dass man sich am Ende fast ärgerlich ausgetrickst fühlen kann.

Dieses überraschende, fast zu überraschende Moment ist freilich nicht die größte Stärke dieses Films – zumal die feine Geschichte am Ende durch zu viel Erklärung etwas plattgedrückt wird. Sehenswerter ist „Die Frau im Mond“ als Geschichte wilden und zugleich fast mystischen weiblichen Begehrens, des Leidens daran und der Suche nach Wegen, damit umzugehen – und das ist, sexuelle Freiheit hin oder her, nach wie vor keine „alte Geschichte“. Es ist auch eine Geschichte weiblicher Selbstverantwortlichkeit (Gabrielle ist hier beileibe nicht nur Opfer) und Reifung: Der Film folgt seiner Hauptfigur durch zwei Jahrzehnte hindurch.

Marion Cotillard, die vor zehn Jahren für ihre Rolle als Edith Piaf jede Menge große Filmpreise, darunter einen Oscar, gewann und längst zu den international gefragtesten französischen Schauspielerinnen gehört, spielt Gabrielle stark und subtil. Beeindruckend ist aber auch der spanisch-deutsche Schauspieler Alex Brendemühl als ihr vor Franco geflüchteter Ehemann José. Sparsam und doch kraftvoll präsent spielt er Gabrielles ruhigen Gegenpart. Diesem Mann raubt das lange Warten auf die Liebe seiner Frau – die sich geschworen hat, ihn nie zu lieben und sich manchmal auch grausam verhält – nicht die Würde, im Gegenteil. Und manchmal scheinen die beiden sogar nahe dran, zueinander zu finden.

Ein feines Seelendrama ist „Die Frau im Mond“, mit starken Schauspielern, schönen Bildern und konventioneller Erzählweise. Im Original heißt der Film „Mal de Pierres“ („Steinkrankheit“), nach den Verhärtungen in Gabrielles Körper, die ihr schwere Unterleibsschmerzen bereiten. Zu aufdringlich platziert der Film solche schlichten Metaphern (wohl auch der Romanvorlage geschuldet). Aber er spielt auch schön damit. Etwa mit dem Wasser, das die Steine aus Gabrielles Körper wegschwemmen soll – es wird, an verschiedensten Stellen visuell wunderbar in Szene gesetzt, zu einer heimlichen Hauptfigur des Films.

(aus "Die Presse")