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CAPTAIN PHILLIPS
Genre:Thriller nach einer wahren Begebenheit
Länge:134
Schauspieler:Tom Hanks, Barhad Abdi, Barkhad Abdiraham
Regie:Paul Greengrass
Erscheinungsjahr:2013
Internet:
Beschreibung:Aus einem wahren Fall von Kidnapping vor der Küste Somalias macht "Bourne"- Regisseur Paul Greengrass ein spannendes, unheroisches Drama - und lässt Tom Hanks auf hoher See zu Höchstform auflaufen.

Es ist inzwischen ein paar Jahre her, dass Piraten und Kapitäne in Hollywood eine ganz große Nummer waren und innerhalb weniger Filme Johnny Depp vom lässigen Glamour-Außenseiter in eine nervige Karikatur seiner selbst verwandelte. Doch erst jetzt kommt mit "Captain Phillips"der ultimative Film zu diesem Thema in die Kinos – und er spielt weder in der Karibik, noch ist ein Kopftuch tragender Depp am Start.

Der Titel gebenden Captain Phillips wird viel mehr von Tom Hanks dargestellt, ganz unauffällig und durchschnittlich, ohne goldene Ohrringe oder wenigstens ein Alkoholproblem. Wobei man wohl dazu sagen sollte, dass dieser Phillips eine reale Person ist und vor drei Jahren ein Buch mit dem Titel "A Captain’s Duty: Somali Pirates, Navy SEALs, and Dangerous Days at Sea" schrieb, das dem Regisseur Paul Greengrass nun als Vorlage diente.

Phillips also lässt im April 2009 mal wieder seinen beschaulichen Kleinstadt-Alltag in Vermont hinter sich, um als Kapitän des riesigen Containerschiffs Maersk Alabama auf Reisen zu gehen. Im Oman wird abgelegt, Ziel ist die kenianische Hafenstadt Mombasa. Dazwischen liegt – nein, nicht die verfluchte Karibik – die Küste Somalias, von der Phillips natürlich weiß, dass dort vor Piratenangriffen gewarnt wird. So wird er auch gleich hellhörig, als seinem Frachter eine kleine Nussschale auf die Pelle rückt. Goliath gegen David, sollte man meinen. Doch die Alarmbereitschaft auf der Brücke ist angebracht. Denn es dauert gar nicht sonderlich lange, bis vier junge, mit Gewehren bewaffnete Männer mit erstaunlicher Leichtigkeit das Schiff geentert haben.

Seiner 20-köpfigen Crew befiehlt Phillips, sich im Maschinenraum zu verstecken, während er sich selbst nach dem Scheitern sämtlicher Abwehrversuche den Angreifern ergibt. Doch als die kurz zuvor noch angeforderte Hilfe auf sich warten lässt und die Somalis, denen es in erster Linie um Lösegeld geht, misstrauisch das Schiff durchsuchen, überschlagen sich die Ereignisse. Muse (Barkhad Abdi), der Anführer der Piraten, wird nach einiger Zeit von der Mannschaft überwältigt, sodass ein Austausch der Geisel gegen Phillips vereinbart wird, wonach sich die Piraten im Rettungsboot der Alabama davonmachen sollen. Doch einmal in dieser orangefarbenen Kapsel angekommen, überwältigen sie den Kapitän, um vom somalischen Festland aus vielleicht doch noch die erhofften Millionen zu erpressen. Die Erfolgsaussichten scheinen gering, vor allem als sie sich wenig später von gleich drei Kriegsschiffen der US-Marine umringt sehen. Doch aufgeben kommt nicht infrage, weder für die Piraten noch für Captain Phillips.

Obwohl es kein Geheimnis ist, wie die Sache in der Realität ausgegangen ist - der Fall, den Billy Ray ("Die Tribute von Panem") zu einem Drehbuch verarbeitet hat, ging damals groß durch die Presse -, ist "Captain Phillips" von der ersten bis zur letzen Sekunde spannend wie ein Thriller. Das verdankt sich nicht zuletzt der Inszenierung des Briten Greengrass. Schon bei seinem großen Durchbruch mit dem ebenfalls auf wahren Ereignissen basierenden "Bloody Sunday" und später in seinen "Bourne"-Filmen oder dem 9/11- Drama "Flug 93" wusste er mittels wackeliger, teils grobkörniger Handkamera und vielen schnellen Schnitten eine unverwechselbare Unmittelbarkeit herzustellen. Doch selten ging dieser Ansatz so unmanieriert und wirkungsvoll auf wie hier, seiner inzwischen dritten Zusammenarbeit mit Kameramann Barry Ackroyd.

Was seinen Film aber, jenseits der an die Nieren gehenden Dramatik, wirklich zu einem besonderen Erlebnis macht, sind seine Protagonisten. In den Händen anderer Regisseure wären die ausgemergelten, ständig auf Blättern und Zweigen des berauschenden Kathstrauches kauenden Piraten vermutlich zu Klischees fanatischer Gotteskämpfer verkommen. Hier aber werden die vier (allesamt mit erstaunlicher Authentizität von in den USA lebenden Schauspiel-Laien verkörpert) als durchaus überforderte, immer wieder uneinige Gruppe gezeigt, deren Handeln sich nicht zuletzt materieller Armut und dem Druck regionaler Warlords verdankt. Ob zu Beginn, wenn sie mit einfachsten Mitteln die Alabama kapern, oder am Schluss, wenn sie mit purer Sturheit die amerikanische Übermacht mit all ihrem technischen Anti-Terror-Schnickschnack und den zahllosen Scharfschützen an den Rand einer Niederlage bringen – immer wieder ertappt man sich dabei, mit diesen Seeräubern mitzufiebern, ohne dass ihre Verbrechen klein geredet oder entschuldigt würden.

Von Schwarz-Weiß-Zeichnungen kann also keine Rede sein, auch nicht wenn es um Tom Hanks geht. Captain Phillips mag die Titelrolle sein in diesem Film, doch ein Held ist er nicht. Zwar zeigt Greengrass ihn als mutig und patent, aber Herr der Lage ist dieser Mann in all seiner Furcht und Verzweiflung genauso selten wie seine Kidnapper. Für den zweifachen Oscar-Gewinner ist das wenn nicht die, dann zumindest eine der Rollen seines Lebens. So nuanciert, so unaufgeregt, so fern aller Klischees hat man ihn jedenfalls selten gesehen. Nirgends kommt seine bemerkenswerte Leistung dabei deutlicher zum Tragen als in den allerletzten Momenten des Films. Ein Blick in Hanks’ Gesicht genügt und man versteht: Für strahlende Sieger gibt es in dieser Geschichte keinen Platz.