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12 YEARS A SLAVE
Genre:Nominiert für 10 Oscars!; Drama
Länge:138
Schauspieler:Brad Pitt, Michael Fassbender, Michael Kenneth Williams, Benedict Cumberbatch, Paul Dano
Regie:Steve McQueen
Erscheinungsjahr:2014
Internet:
Beschreibung:Steve McQueens Drama "Twelve Years A Slave" erschüttert mit seiner Geschichte und besticht mit seiner Ästhetik.

"Deine Geschichte ist erstaunlich. Aber nicht auf die gute Art", sagt Brad Pitt als Handwerker Bass zum geschundenen Sklaven Pratt, dessen wahrer Lebensweg die Grundlage für das mit dem Golden Globe prämierte Drama "Twelve Years A Slave" bildet.

In der gleißenden Mittagshitze errichten sie im 19. Jahrhundert auf einer Baumwollplantage im US-Staat Georgia einen weiß gestrichenen Pavillon. Bass hört, was der Zuschauer 133 Minuten lang zu sehen bekommt, und zwar eine Geschichte, die einen schmerzen und die Scham für Taten vergangener Generationen vom Magen ins Gesicht kriechen lassen kann.

Wie Bass möchte man zu Regisseur Steve McQueen sagen: "Dein Film ist erstaunlich. Aber nicht auf die gute Art." Wenn man die gute Art als leichtfüßige Zerstreuung definieren würde. Die "nicht gute Art" steht für ein erschütterndes Werk, das den Inhalt formal fantastisch, ohne Pathos, stützt.

Sklave Pratt trägt als Bürger und Mensch den Namen Solomon Northup. Er lebte rechtlich anerkannt als freier Mann im Staat New York, war ein talentierter Geigenspieler, liebevoller Familienvater, bis er von rassistischen Südstaatlern betäubt, entführt und verscherbelt wurde. Ein Gesicht gibt ihm Chiwetel Ejiofor, ein in Europa noch unbekannter Schauspieler. Ejiofor stemmt mit seiner Mimik und seiner eindringlichen Körperlichkeit das facettenreiche emotionale Spektrum des Films.

Im zwölfjährigen Überleben Northups als Sklave, in dem sich Erniedrigung an Züchtigung, Verzweiflung an Hilflosigkeit reiht, erzählen Ejiofors Züge aber nur einmal von Zufriedenheit und Güte – im Beisein seiner Familie. Sonst sind sie verhärtet, schlaff, ausgesaugt, beben vor Angst, dann Wut.

McQueens ausgeprägtes Gefühl für dosierte Arrangements zeigt sich – neben der Art, wie er seinen Hauptdarsteller anleitete – im Einsatz von Gewalt. Das pfeifende Geräusch einer Peitsche, die durch die Luft segelt, bevor unter ihr die Haut zerplatzt, hört man nur in wenigen Szenen, aber dafür so lange, dass es im Kopf nachklingt. Diese Authentizität, die es so schwer macht, sich einzureden, dass das ja nur ein Film sei, wiederholt der Künstler McQueen in seinen Bildern. Seine prägendsten Einstellungen erinnern an Gemälde, die Furcht und Verständnislosigkeit für den Moment bannen. Etwa, wenn ein Aufseher dem Sklaven Pratt, umringt von noch mehr ausgemergelten Seelen, Befehle hinknallt. Dank ausgeklügeltem Einsatz von Licht und Perspektive wirkt dieses Bild so plastisch, als stünde man davor.

Dabei lebt "Twelve Years A Slave" von langen Periode der Stille, die am jähsten von den Plantagenbesitzern unterbrochen wird.

Michael Fassbender reibt sich exzellent als prügelnder, saufender, bigotter Herr auf, an dem gar nichts meisterlich ist, außer sein Versagen als Mensch. Benedict Cumberbatch steht ihm als Plantagenbesitzer in nichts nach. Er will Pratt retten, muss ihn aber auf seinem eigenen Besitz vor dem Aufseher Tibeats im Gewaltrausch (Paul Dano) schützen.

Dieses flirrende moralische Gesamtbild spiegeln die ländlichen Lichtverhältnisse wider: nichts ist nur hell oder dunkel, dazwischen ist die finsterste, tiefste Nacht oder wärmende Morgenröte. Das ist zwar schön anzusehen, aber nie nur auf die gute Art.

aus "OÖN"



Steve McQueen, seit seinen packenden, provokanten und formal bestechenden Filmen HUNGER und SHAME eine feste Größe im internationalen Filmgeschäft, beschäftigte das Thema Sklaverei bereits seit einiger Zeit. Schon bevor er das Buch entdeckte, kreisten seine Gedanken um die Verfilmung einer Geschichte, wie sie in 12 YEARS A SLAVE beschrieben wird. Er wollte über die Sklaverei und deren Schrecken erzählen – und zwar so, wie dies noch niemand zuvor getan hatte: aus der Perspektive eines Mannes, der sowohl das Hochgefühl der Freiheit als auch die Inhumanität der Sklaverei kannte.
McQueen wusste, dass es Sklaven gegeben hatte, die in den Nordstaaten als freie Bürger lebten und von dort entführt worden waren, um sie dazu zu zwingen, im Süden auf Baumwollplantagen Fronarbeit zu leisten. Ihm war aber nicht klar, dass es ein Buch gab, das genau so eine Story erzählte. »Ich machte mir Gedanken darüber, wie ich so eine Geschichte erzählen könnte«, erinnert sich McQueen. »Ich suchte nach dem richtigen Ansatzpunkt. Ich wollte einen Helden, der ursprünglich ein freier Mann war, jemand mit dem sich das Publikum leicht identifizieren konnte. Einen Familienmenschen, der gekidnappt und zum Sklaven wird.« Über diese Idee sprach McQueen mit seiner Frau Bianca, die schließlich auf Solomon Northups Memoiren stieß. Das Buch hatte damals in der amerikanischen Gesellschaft für große Aufregung gesorgt, war aber dann in Vergessenheit geraten. »In dem Moment, in dem ich mit dem Lesen anfing, konnte ich nicht mehr aufhören«, gesteht McQueen. »Es war einfach eine unglaubliche Geschichte, ein Märchen wie aus der Welt der Gebrüder Grimm. Ein Mann verliert alles – seine Familie, seine Freiheit, seine Würde. Und am Ende findet er all das wieder.«



aus "Moviemento"

12 YEARS A SLAVE --
Genre:Drama, Literaturverfilmung
Länge:138
Schauspieler:Brad Pitt, Michael Fassbender, Michael Kenneth Williams, Benedict Cumberbatch, Paul Dano
Regie:Steve McQueen
Erscheinungsjahr:2014
Internet:
Beschreibung:Steve McQueens Drama "Twelve Years A Slave" erschüttert mit seiner Geschichte und besticht mit seiner Ästhetik.

"Deine Geschichte ist erstaunlich. Aber nicht auf die gute Art", sagt Brad Pitt als Handwerker Bass zum geschundenen Sklaven Pratt, dessen wahrer Lebensweg die Grundlage für das mit dem Golden Globe prämierte Drama "Twelve Years A Slave" bildet.

In der gleißenden Mittagshitze errichten sie im 19. Jahrhundert auf einer Baumwollplantage im US-Staat Georgia einen weiß gestrichenen Pavillon. Bass hört, was der Zuschauer 133 Minuten lang zu sehen bekommt, und zwar eine Geschichte, die einen schmerzen und die Scham für Taten vergangener Generationen vom Magen ins Gesicht kriechen lassen kann.

Wie Bass möchte man zu Regisseur Steve McQueen sagen: "Dein Film ist erstaunlich. Aber nicht auf die gute Art." Wenn man die gute Art als leichtfüßige Zerstreuung definieren würde. Die "nicht gute Art" steht für ein erschütterndes Werk, das den Inhalt formal fantastisch, ohne Pathos, stützt.

Sklave Pratt trägt als Bürger und Mensch den Namen Solomon Northup. Er lebte rechtlich anerkannt als freier Mann im Staat New York, war ein talentierter Geigenspieler, liebevoller Familienvater, bis er von rassistischen Südstaatlern betäubt, entführt und verscherbelt wurde. Ein Gesicht gibt ihm Chiwetel Ejiofor, ein in Europa noch unbekannter Schauspieler. Ejiofor stemmt mit seiner Mimik und seiner eindringlichen Körperlichkeit das facettenreiche emotionale Spektrum des Films.

Im zwölfjährigen Überleben Northups als Sklave, in dem sich Erniedrigung an Züchtigung, Verzweiflung an Hilflosigkeit reiht, erzählen Ejiofors Züge aber nur einmal von Zufriedenheit und Güte – im Beisein seiner Familie. Sonst sind sie verhärtet, schlaff, ausgesaugt, beben vor Angst, dann Wut.

McQueens ausgeprägtes Gefühl für dosierte Arrangements zeigt sich – neben der Art, wie er seinen Hauptdarsteller anleitete – im Einsatz von Gewalt. Das pfeifende Geräusch einer Peitsche, die durch die Luft segelt, bevor unter ihr die Haut zerplatzt, hört man nur in wenigen Szenen, aber dafür so lange, dass es im Kopf nachklingt. Diese Authentizität, die es so schwer macht, sich einzureden, dass das ja nur ein Film sei, wiederholt der Künstler McQueen in seinen Bildern. Seine prägendsten Einstellungen erinnern an Gemälde, die Furcht und Verständnislosigkeit für den Moment bannen. Etwa, wenn ein Aufseher dem Sklaven Pratt, umringt von noch mehr ausgemergelten Seelen, Befehle hinknallt. Dank ausgeklügeltem Einsatz von Licht und Perspektive wirkt dieses Bild so plastisch, als stünde man davor.

Dabei lebt "Twelve Years A Slave" von langen Periode der Stille, die am jähsten von den Plantagenbesitzern unterbrochen wird.

Michael Fassbender reibt sich exzellent als prügelnder, saufender, bigotter Herr auf, an dem gar nichts meisterlich ist, außer sein Versagen als Mensch. Benedict Cumberbatch steht ihm als Plantagenbesitzer in nichts nach. Er will Pratt retten, muss ihn aber auf seinem eigenen Besitz vor dem Aufseher Tibeats im Gewaltrausch (Paul Dano) schützen.

Dieses flirrende moralische Gesamtbild spiegeln die ländlichen Lichtverhältnisse wider: nichts ist nur hell oder dunkel, dazwischen ist die finsterste, tiefste Nacht oder wärmende Morgenröte. Das ist zwar schön anzusehen, aber nie nur auf die gute Art.

aus "OÖN"



Steve McQueen, seit seinen packenden, provokanten und formal bestechenden Filmen HUNGER und SHAME eine feste Größe im internationalen Filmgeschäft, beschäftigte das Thema Sklaverei bereits seit einiger Zeit. Schon bevor er das Buch entdeckte, kreisten seine Gedanken um die Verfilmung einer Geschichte, wie sie in 12 YEARS A SLAVE beschrieben wird. Er wollte über die Sklaverei und deren Schrecken erzählen – und zwar so, wie dies noch niemand zuvor getan hatte: aus der Perspektive eines Mannes, der sowohl das Hochgefühl der Freiheit als auch die Inhumanität der Sklaverei kannte.
McQueen wusste, dass es Sklaven gegeben hatte, die in den Nordstaaten als freie Bürger lebten und von dort entführt worden waren, um sie dazu zu zwingen, im Süden auf Baumwollplantagen Fronarbeit zu leisten. Ihm war aber nicht klar, dass es ein Buch gab, das genau so eine Story erzählte. »Ich machte mir Gedanken darüber, wie ich so eine Geschichte erzählen könnte«, erinnert sich McQueen. »Ich suchte nach dem richtigen Ansatzpunkt. Ich wollte einen Helden, der ursprünglich ein freier Mann war, jemand mit dem sich das Publikum leicht identifizieren konnte. Einen Familienmenschen, der gekidnappt und zum Sklaven wird.« Über diese Idee sprach McQueen mit seiner Frau Bianca, die schließlich auf Solomon Northups Memoiren stieß. Das Buch hatte damals in der amerikanischen Gesellschaft für große Aufregung gesorgt, war aber dann in Vergessenheit geraten. »In dem Moment, in dem ich mit dem Lesen anfing, konnte ich nicht mehr aufhören«, gesteht McQueen. »Es war einfach eine unglaubliche Geschichte, ein Märchen wie aus der Welt der Gebrüder Grimm. Ein Mann verliert alles – seine Familie, seine Freiheit, seine Würde. Und am Ende findet er all das wieder.«



aus "Moviemento"

17 again - Back to Highschool
Genre:Teenagerkomödie
Länge:102
Schauspieler:Zac Efron, Leslie Mann, Thomas Lennon, Matthew Perry, Tyler Steelman, Allison Miller, Sterling Knigh
Regie:Burr Steers
Erscheinungsjahr:2009
Internet:
Beschreibung:Ein altes Motiv anregend aufgearbeitet: der unzufriedene Verlierertyp Mike kommt in den Genuss einer märchenhaften Verjüngungskur und glaubt nun, alles besser machen zu können.

Mike O’Donnell hat sich von einem jungen vielversprechenden High-School-Absolventen im Lauf der Jahre in einen unzufriedenen Mittdreißiger verwandelt, der im Beruf nicht weiterkommt und sogar von den eigenen Kindern für einen Versager gehalten wird. Zu allem Überfluss musste er auf Grund seiner bevorstehenden Scheidung bei seinem besten Freund, der es zum Milliardär gebracht hat, Unterschlupf suchen, was auch nicht gerade zur Stärkung seines Egos beiträgt. Kein Wunder, dass Mike viel lieber noch einmal neu beginnen würde und bei einem Besuch der alten Schule wehmütigen Gedanken nachhängt.
Die immer zu einem zünftigen Schabernack aufgelegte Vorsehung schickt daher einen weißbärtigen Seelenführer im Raumpflegerdress los, der seine magischen Kräfte für ein Transformationskunststück einsetzt und so kommt es, dass Matthew Perry plötzlich wie Zac Efron aussieht, aber noch immer wie sein gealtertes Ebenbild denkt.
Also lässt sich Mike noch einmal an der High-School einschreiben, wird zum Basketballtrainer des eigenen Sohns, versucht seine Tochter in Liebesdingen zu beraten, umschwärmt die eigene Frau in Jünglingsgestalt und erkennt, wie wichtig es ist, sich rechtzeitig fortgepflanzt zu haben, denn obwohl sich das Leben unerbittlich wiederholt, kann in solchen Fällen der Nachwuchs einspringen, um Papas Verfehlungen abzuschwächen.
Herausgekommen ist ein gelungener Beitrag zum beliebten Genre des Verjüngungsfilms, bei dem überraschenderweiser alles ohne platte Witze über die Bühne geht und man könnte dem frischgebackenen Teenager höchstens den Vorwurf machen, dass er nach dem Sturz in den Jungbrunnen etwas gar zu antiseptisch in seinem neuen Altkörper (oder alten Neukörper?) agiert; während seine finanzielle Unabhängigkeit dank unermesslich reichem Freund noch als dramaturgisches Hilfsmittel durchgeht.

Zac Efrons in „High School Musical“ und dem Remake von „Hairspray“ bewährte Entertainer-Qualitäten werden von Regisseur Burr Steers nur für eine einzige Tanzeinlage inmitten von Cheerleadern genutzt, denn es sollte gezeigt werden, dass der Junge auch ohne musikalische Unterstützung witzig sein kann. Den Vogel in puncto Skurrilität schießt aber Thomas Lennon ab: in seiner Rolle als Mikes Freund Ned hat er keine zauberhafte Verjüngung nötig, da er auf dem Stand eines Teenagers geblieben ist und über das entsprechende Vermögen verfügt, um diesen Spleen ausleben zu können..

Die Verantwortlichen haben sich noch einen besonders sympathischen Schlussgag ausgedacht, denn der Abspann wird in Form eines High-School-Jahrbuchs präsentiert, das Jugendfotos aller Beteiligten enthält.
Bei Verlassen des Kinos wird einem dann zwar bewusst, dass man nichtsdestotrotz wieder um 100 Minuten gealtert ist, aber wenigstens sind durch die Filmunterhaltung keine grauen Haare dazugekommen.

17 MÄDCHEN
Genre:Drama, Komödie, Film aus Frankreich
Länge:90
Schauspieler:Louise Grinberg, Juliette Darche, Roxane Duran, Esther Garrel, Yara Pilartz
Regie:Delphine Coulin
Erscheinungsjahr:2012
Internet:
Beschreibung:In Lorient, einer Stadt in der Bretagne, schließen 17 Mädchen eines Gymnasiums einen ungewöhnlichen Pakt: Entgegen allen Widrigkeiten und dem Unverständnis von Eltern, Lehrern und den jungen Vätern zum Trotz werden Camille und ihre Freundinnen gleichzeitig schwanger.

2 HERREN IM ANZUG
Genre:Drama; Groteske
Länge:139
Schauspieler:Josef Bierbichler, Simon Donatz, Martina Gedeck, Sophie Stockinger
Regie:Josef Bierbichler
Erscheinungsjahr:2018
Internet:
Beschreibung:Regisseur Josef Bierbichler verfilmt seinen eigenen Roman "Mittelreich" und fragt, wie man Vergangenes darstellen kann. In "Zwei Herren im Anzug" lautet seine Antwort: immer gebrochen, immer gefärbt.
In einer der tollsten Szenen von "Zwei Herren im Anzug" fällt ein entscheidender Satz: "Sie glauben, Sie können Vergangenes so darstellen, wie es wirklich war." Gesagt von dem Regisseur Josef Bierbichler gespielten Wirt Pankraz, der in dieser Szene als Vorsitzender einer Jury amtiert.
Es ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Es wird Fasching gefeiert, und die Sache wird so ernst genommen, dass die beste "Maske", wie es hier heißt, das beste Kostüm also, prämiert werden soll. Der Mann, an den sich Pankraz mit seinem Satz wendet, tritt als Nazi auf: in der Uniform, mit der Hakenkreuzarmbinde, die ein paar Jahre zuvor keine "Maske" war.
Gesprochen wird der Satz, und das ist vielleicht das Wichtigste an ihm, in der Beiläufigkeit des herrlichen Bierbichler-Redens: in einer Unaufgeregtheit, die so luftig zwischen Feststellung und Vorwurf hängt, dass man sich gar nicht entscheiden kann, was gemeint ist. Soll man auch nicht. Pankraz sagt den Satz, um ihm selbst nachzuhorchen, um über ihn nachzudenken.
Wie man Vergangenes darstellt, ist eine Frage, die sich das deutsche Geschichtskino selten stellt. Es regiert das Primat der Ähnlichkeit, die so plastisch gedacht wird, dass Schulklassen sie erkennen können. Wenn die derart aufgebotenen Geschichten, wie zuletzt in dem DDR-Drama "Das schweigende Klassenzimmer", dann auch noch wirklich wahr waren, umso besser. Wenn nicht, hilft die Kritik nach, die den Zeitgeschichtsevokationen großzügig hinterherruft: "So war es".
Dem Film "Zwei Herren im Anzug" geht es dagegen nicht darum, ob es wirklich so war. Geschichte ist hier, in der filmischen Bearbeitung von Bierbichlers eigenem Roman "Mittelreich", das Amalgam von Erinnerung: immer schon gebrochen, immer schon gefärbt. Eine Erzählung über das Herkommen, die zwischen den Generationen weitergegeben wird.
Alles beginnt auf der Beerdigungsfeier für Theres (Martina Gedeck), der Ehefrau von Pankraz und Mutter von Semi (Simon Donatz), und das Gespräch zwischen Vater und Sohn im leeren Wirtshaus ist eigentlich ein Streit - darüber, wie es war, was es war. Vater und Sohn haben dazu durchaus verschiedene Ansichten.
Ein Jahrhundert wird erzählt in Bierbichlers Film, anhand einer drei Generationen überspannende Familiengeschichte. Es geht zurück bis zu Pankraz-Vater (den auch Bierbichler spielt mit einem schönen Schnauzbart) und zum Ersten Weltkrieg, in den Toni (Florian Karlheim), der Erstgeborene und älteste Bruder von Pankraz, frohgemut zieht. Aus dem er aber mit einer Kugel im Kopf zurückkehrt und mit antisemitischem Gebrüll, mit dem er in einer langen Szene das Wirtshaus belästigt.
In solchen Momenten wird die Perspektive von "Zwei Herren im Anzug" deutlich. Die Gewalt, die Verbrechen des 20. Jahrhunderts werden aus ländlicher Richtung angeschaut. Es geht um die Auswirkungen, die große Politik auf ein Leben hat, das sich an Jahreszeiten orientiert und in dem die Kinder weitermachen müssen, was ihre Eltern angefangen haben. Kurz gesagt: Kontinuität trifft auf Umwälzungen, die von außen kommen. Was den Film in manchen Momenten allerdings auch etwas vage macht.
Den Ansatz des Erzählens kann man theatral nennen, und auch das unterscheidet "Zwei Herren im Anzug" von gewöhnlichen Zeitgeschichtserzählungen im deutschen Kino. Pankraz und Semi sitzen im leeren Wirtshaus wie auf einer Bühne, von der die Erinnerungen ihren Lauf nehmen in einzelnen - anfangs schwarz-weißen, später farbigen - Episoden. Erhärtet wird diese Wahrnehmung dadurch, dass die beiden Bühnenversionen von "Mittelreich" in den Münchner Kammerspielen, Anna-Sophie Mahlers Requiem und Anta Helena Reckes "Schwarzkopie" davon eine ähnliche Form gewählt haben.
Es sind die lebendigen Tableaus, aus denen "Zwei Herren im Anzug" seine Kraft bezieht. Das Gewusel beim Karneval, das nicht nur vom Pfarrer (Andreas Lechner) kommentiert wird, sondern im Modus des Vergnügens die Frage stellt, wie man mit der eigenen Vergangenheit umgeht, erweist sich in spielerischer Form als Gesellschaftsbild.
Dass im Film das Blackfacing, also das Verkleiden als Schwarzer samt Schminke im Gesicht, auch ein wenig verschämt inszeniert ist, sieht deutlicher, wer Reckes zum Theatertreffen eingeladene Kopie der Mahler-Arbeit gesehen hat. Recke hatte nämlich ausschließlich schwarze Darsteller besetzt und damit sichtbar gemacht, was sonst leicht übergangen wird.
Natürlich ist das Schwarzanmalen in einem Nachkriegskarneval unhinterfragter Rassismus, Ausdruck einer Kultur, die sich nach "Exotik" sehnt (einen "Indianer" gibt es auch) und der es an Diskursen darüber mangelt, wie sich zum "Anderen" verhalten wird. Wenn der Schwarzangemalte im Film den Blickkontakt zu einem afroamerikanischen Soldaten sucht, der ebenfalls zur Feiergesellschaft gehört, dann wird erkennbar, dass man heute um das Problem weiß.
Letztlich ist "Zwei Herren im Anzug", und deswegen hat diese Beobachtung durchaus ihren Sinn, eine Arbeit an den Traumata der Geschichte. Die finale Pointe, die das Schweigen von Pankraz erklärt, die Unfähigkeit, mit dem Sohn über dessen konkrete Gewalterfahrungen zu reden, führt auf überraschende und zugleich triftige Weise hinein in den Holocaust. Pankraz, der Mann, der im Vernichtungskrieg war, versteht am besten die Menschen, die sein Wissen teilen, ohne dass sie darüber sprechen könnte.
Als Freund aus dem Krieg hat übrigens der Schaubühnen-Leiter Thomas Ostermeier eine kleine, aber markante Rolle. So wie die titelgebenden Herren im Anzug von Theaterregisseur Johan Simons und Bühnenschauspieler Peter Brombacher gegeben werden - zwei Randfiguren, die das Spiel mit den Perspektiven noch einmal brechen, weil sie in der Geschichte immer wieder rumsitzen wie die beiden Alten aus der Muppet-Show.
Die große Bühne gehört freilich Josef Bierbichler, der sein spezifisches, minimalistisches Spiel in manchen Momenten in eine groteske Version von Gerhard Polts Komik aufzieht.
(aus "Spiegel online")